Der Blog der Landschaft des Wissens

Die überforderte Gesellschaft

Die europäische Industrie-, Konsum- und Wohlstandsgesellschaft, für den überwiegenden Teil der Weltbevölkerung ein Vorbild, hat ihren Blick auf die globalen Risiken völlig ausgeblendet. Wie hilflos sie sich angesichts aktueller Krisen wie des Ukraine-Krieges, der Covid-Pandemie, den Migrations- und Finanzkrisen oder des Klimawandels wiederfindet, ist verstörend. Die Politik scheint von Ereignissen überwältigt zu werden, die unerwartet auf sie zukommen.

Der „Fortschritt“, die Erfolgsgeschichte der europäischen Nachkriegsgeneration, basierend auf Wissenschaft, Bildung und Fleiß, hat uns suggeriert, alles in den Griff zu bekommen und die Welt zur Befriedigung unserer Bedürfnisse „herzurichten“. Heute noch wird die Warnung Ulrich Becks aus dem Jahre 1986 ignoriert, dass die Industriegesellschaft Risiken produziere, die sie selbst gefährdet. Dass Reichtumsproduktion zugleich Risikoproduktion ist, hat sich inzwischen bewahrheitet. Verteilungskonflikte wie auch die Schadstoffverteilung (Umweltverschmutzung) sind heute globale Probleme, der Verlust der Artenvielfalt betrifft nicht nur „irgendwelche“ Ökosysteme, sondern gefährdet inzwischen die Lebensgrundlage des Homo sapiens, des „weisen Menschen“, der jedoch nicht entsprechend zu handeln vermag. Offenbar führt die Inflation gefühlter Risiken insgesamt zu mehr Gleichgültigkeit.

Damit bleibt Gewinnoptimierung die vorherrschende Ideologie, welche die gesellschaftliche Sicherheit auf dem Altar des Profits opfert. Dass nun das geopolitische Risiko derart aus dem Ruder läuft (aktuell Putins Ukraine-Krieg, doch er ist nicht der einzige unberechenbare autokratische „Führer“), war für die europäische Politik scheinbar völlig überraschend. Auch das ist irritierend.

Was gibt Hoffnung? In dem Maße, wie die moderne Gesellschaft ihre selbst produzierten Risiken thematisiert, wird sie reflexiv und der Modernisierungsprozess selbst zum Thema. Wir brauchen die Kraft der Kreativität für das kritische Durchdringen der Probleme, um, wie im Frühling die zartesten Pflanzen aus knorrigen alten Bäumen hervorspringen, auch das gesellschaftliche Ökosystem zu erneuern. 

 

Dieser Text erschien am 31. 5. 2022 in der Aussensicht der Kleinen Zeitung

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Horst Peter Groß, Philosoph, Unternehmensberater,
Präsident der Landschaft des Wissens|Wissenschaftsverein Kärnten

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Kärnten

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