Die Ohnmacht der Mächtigen …
… und die Macht der Ohnmächtigen. Das war der Titel des Vortrags von Jiří Gruša, einer der engsten Weggefährten von Václav Havel, beim Symposium des Wissenschaftsverein Kärnten 2004.
… und die Macht der Ohnmächtigen. Das war der Titel des Vortrags von Jiří Gruša, einer der engsten Weggefährten von Václav Havel, beim Symposium des Wissenschaftsverein Kärnten 2004. Der Regimekritiker Havel, einer der Hauptinitiatoren der Charta 77, der Bürgerrechtsbewegung, die in den 1980er Jahren Zentrum der Opposition war, wurde verhaftet und verbrachte insgesamt fünf Jahre im Gefängnis. 1989 wurde er Präsident der Tschechoslowakei. Jiří Gruša wurde nach der samtenen Revolution 1990 zum tschechischen Botschafter in Deutschland, war Bildungsminister in der Regierung Václav Klaus und ab 1998 Botschafter in Österreich. Von 2005 bis 2009 war Jiří Gruša Direktor der Diplomatischen Akademie Wien.
In seinem Vortrag ging es um die Frage, wie weit „Zivilcourage“ Not-wendig ist, um der liberalen Demokratie und den Menschenrechten gegenüber autoritärer staatlicher Repression zur Durchsetzung zu verhelfen – auch auf Kosten der eigenen Sicherheit. Es ging um die Frage des Preises der Freiheit, die letztlich immer wieder erkämpft werden muss.
Doch was ist uns heute unsere Freiheit wert? Im Iran z.B. ist der Preis deutlich höher als bei uns: Dort Zivilcourage zu zeigen, endet mit größter Wahrscheinlichkeit tödlich. Vom iranischen Volk von außen zu verlangen, das menschenverachtende Mullah-Regime von innen zu stürzen, ist daher zynisch. Dazu bräuchte es vielmehr auch konsequenter diplomatischer (und nicht nur militärischer) Maßnahmen der „freien Welt“ – und damit meine ich in erster Linie die Europäische Union, die letzte, wenn auch zunehmend gefährdete Bastion liberaler Demokratie.
In einer liberalen Demokratie Zivilcourage zu zeigen, bedarf mehr oder weniger nur, ab und zu die eigene Komfortzone zu überwinden. Bei uns die Stimme gegen illiberale und antidemokratische Entwicklungen zu erheben, ist (noch) kaum bis gar nicht mit existentiellem Risiko verbunden und daher eigentlich sogar staatsbürgerliche Pflicht. Doch solange es „uns“ gut genug geht, begnügen „wir“ uns zumeist, von der Zuschauertribüne herab Regierende zu kritisieren. Viele wissen vermeintlich alles besser, bringen aber keine Vorschläge ein und engagieren sich nicht konstruktiv im gesellschaftspolitischen Diskurs.
Das ist das Problem, das die liberale Demokratie und unsere Zukunft in Freiheit gefährdet.
Der Text erschien in leicht gekürzter Fassung am 11. Juli 2026 in der Rubrik „AUSSENSICHT“ der Kleinen Zeitung.
Klagenfurt, 11. Juli 2026
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